lebensgemeinschaft wickersdorf

Unsere Lebensgemeinschaft befindet sich auf historischem Boden

Das Gut der Herzoglich-Meiningischen Forstdomäne um 1900
Das Gut um 1900

Im Jahr 1906 gründeten Reformpädagogen um Dr. Gustav Wyneken, Paul Geheeb und Martin Luserke auf dem Gelände eines verlassenen Forstgutes eine private Schule. Auf die Frage, was Wickersdorf sei, antwortete Wyneken später einmal: »Ein geistiges Werk … von neuer Art und nicht von der Art alter Schulmeister. Kein Begriffsgebäude, … sondern die Leibwerdung einer Idee.«

Hier, inmitten der gesunden Natur des Thüringer Waldes (625 m über NN) und abgelegen von größeren Städten, wurde mit dem Aufbau eines Schulmodells begonnen, welches auf die gesamte deutsche Schule und Pädagogik nachhaltig wirkte.

Eine neue Art der höheren Schule, die zur Hochschulreife führte, sollte entstehen, die sich als bewusster Gegensatz zum wilhelminischen Schulsystem verstand. So lebte hier zuerst die Koedukation, die gemeinsame Unterrichtung und Erziehung von Jungen und Mädchen auf, der Religionsunterricht wurde völlig umgestaltet, die Ausbildung in handwerklichen Berufen kann man als einen Vorläufer des polytechnischen Prinzips bezeichnen, Körperertüchtigung und musisches Klima waren Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung.

Blick über den Schulhof zum Schulhaus, nach dem Anbau um 1907
Blick über den Schulhof, um 1907

Besonderen Ruf, ja ihren eigentlichen Namen erwarb sich die Schule durch praktizierte Formen der Demokratie, Gleichberechtigung zwischen allen Schülern und achtungsvolle Umgangsformen zwischen Lehrern und Schülern. So war die höchste Instanz der Einrichtung, in der Schüler wie Lehrer gleichberechtigt Rede- und Stimmrecht hatten, die »Freie Schulgemeinde«. Dieser Begriff wurde auf die Einrichtung übertragen, die sich als »Freie Schulgemeinde Wickersdorf GmbH« zu einer der bekanntesten Privatschulen Deutschlands mit internationalem Ansehen profilierte. Die »Freie Schulgemeinde« hörte mit der Gleichschaltung 1933 auf zu existieren, eine Schule wurde jedoch weitergeführt. Nach 1945 entstand in mehreren Etappen eine Bildungseinrichtung mit Internat, die ab 1964 als Spezialoberschule (Gymnasium) junge Menschen auf ein späteres Studium und den Beruf des Russischlehrers vorbereitete. Nach dem erfolglosen Versuch, mit einer Neugründung 1990 die Traditionen der Freien Schulgemeinde wieder aufleben zu lassen, wurde die Schule 1991 durch das Erfurter Kultusministerium endgültig geschlossen.

Das Gelände der Freien Schulgemeinde in einer Luftaufnahme nach 1925
Luftaufnahme, nach 1925

Die Lebensgemeinschaft Wickersdorf, die das Grundstück seit 1993 nutzt, sieht in der Tradition und dem Wirken dieser Bildungs-, Erziehungs- und Lebens­gemeinschaft interessante Gemeinsam­keiten und wertvolle Anregungen: die Verantwortung und Zuwendung Älterer (Stärkerer) gegenüber den Jüngeren (Schwächeren), die gleichberechtigte, basisdemokratische Mitwirkung am Gemeinwesen, die koedukative Lebens­form in familienähnlichen Strukturen oder das Tolerieren individueller Eigenarten und Wünsche. So war uns die 100. Wiederkehr der Gründung der »Freien Schulgemeinde Wickersdorf« im Jahr 2006 ein willkommener Anlass, das Leben für und mit unseren Betreuten hier in Wickersdorf noch erlebnisreicher und ausgefüllter zu gestalten.